kasper

 

„Da draussen lauert ein Wolf, er will mein Blut. Wir müssen alle Wölfe töten!”

(Josef Stalin)

 

IM kam betrunken zum Treff

"Gerbergasse 18" Heft 20 (1/2001).

Ein stadtbekannter Jenaer Kulturfunktionär, der es ebenfalls bis zum Führungs-IM mit dem Decknamen „Graul“ brachte, bespitzelte 26 Jahre lang sämtliche kulturellen Bereiche der Stadt und berichtete über alles, was von der vorgeschriebenen Linie der Partei abzuweichen schien und über sämtliche Personen, mit angeblich, „negativ-feindlicher“ Einstellung zur DDR. Dabei erreichte er einen Fanatismus, mit dem er nicht einmal vor eigenen Familienangehörigen Halt machte.

Beispiel eines Berichtes: Im Oktober 1986 hatte er den Auftrag, gemeinsam mit einem anderen Spitzel das neue Programm eines Laien-Puppenspielerzirkels am Kulturhaus im Jenaer Stadtteil Lobeda hauptsächlich auf seine „politisch-ideologische Aussagekraft“ zu beurteilen. Ohne eine so genannte „Einstufung“ durften in der DDR (und das ist heute leider weitgehend vergessen!) Kulturgruppen, auch aus dem Amateurbereich, nicht öffentlich auftreten. „Graul“ fertigte darüber einen schriftlichen Bericht für die Stasi an.

Auszug aus dem Beitrag: „IM kam betrunken zum Treff“:

... Gedämpfte Freude über die Beurteilung ihres politisch-ideologischen Entwicklungsstandes und ihrer künstlerischen Ausdruckskraft durch Gralshüter der sozialistischen Kultur wird bei Kasper, Gretel, dem Polizisten und dem armen Teufel vom Puppenspielerzirkel des Kulturhauses in Jena-Lobeda aufgekommen sein. Bei einer der obligatorischen Einstufungsveranstaltungen im Oktober 1986, mit der eine staatliche Auftrittserlaubnis erlangt werden konnte, erlangten sie zwar nur die „Grundstufe“, womit es ihnen aber dennoch erlaubt war, „mit ihren beiden gezeigten Stücken“ Kinderherzen zu erfreuen, allerdings nur solche, die im Stadtgebiet von Jena schlugen. Vor jedem Auftritt müssten sie aber die Leitung des „Trägerbetriebes“ (des Kulturhauses) informieren. Die Kollegin (XXX) von der Volks-Kunstschule Jena wurde als Mentor eingesetzt. „Dadurch ergibt sich eine Kontrolle der Gruppe“, schreibt „Graul“ am 18. November in einem Bericht, den Unterleutnant Börner entgegennimmt. ... Börner-Zitat: „Beide Quellen (gemeint sind die Spitzel) schätzen ein, dass der Puppenspielzirkel inhaltlich kaum politisch negativ in Erscheinung treten kann, da das das Genre und die Zuschauer (Kinder) nicht hergeben. Es dürfen nur Stücke für Kinder gespielt werden.“

Wegen „einer Gefahr für die innere Sicherheit“ beendete das MfS 1988 die inoffizielle Zusammenarbeit mit dem zum Alkoholiker gewordenen „Graul“. Im Mittelpunkt der Begründung stand nicht ein krank gewordener Mensch, der dringender Hilfe bedurft hätte, sondern ein im Sprachgebrauch der Staatssicherheit als „Quelle“ bezeichneter Gegenstand, der unbrauchbar geworden war und den man einfach durch einen neuen ersetzte. Das war sie also – die ach, so liebenswerte „Mutter“ DDR mit ihren verlockenden Brüsten: „Vollbeschäftigung“ und „niedrige Mieten“ in Plattenbauten. ...