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"Zu den wenigen Vorzügen der Diktatur gehört es, dass sie den Freiheitssinn lebendig erhält."

(Sigmund Graff)

 

Schnell ins Feingebiet gewechselt

TLZ Jena, vom 6. Juli 2001:

Von Rudi Fuchs

Jena. (TLZ) Das Ministerium für Hoch- und Fachschulwesen der DDR delegierte 1988 den in Hummelshain bei Kahla ansässigen freiberuflichen Schriftsteller Ernst-Otto L. zu einer zweijährigen Gastlektoren-Tätigkeit nach Finnland. Die Sektion für Literatur- und Kunstwissenschaft der Friedrich-Schiller-Universität Jena, wo er zuvor tätig gewesen war, schloss deshalb mit ihm einen auf zwei Jahre befristeten Dozenten-Vertrag ab. Das war die offizielle Version, wozu es jedoch noch eine weitaus interessantere und aufschlussreichere gibt, die inoffiziellen Charakter hat. L. war nämlich bereits seit zehn Jahren als IMS (Inoffizieller Mitarbeiter für die Sicherung eines Bereiches oder Objektes) unter dem Decknamen „Hugo“ für die MfS-Kreisdienststelle Jena erfolgreich tätig. (Akte: BSTU, ASt. Gera: X 722/78).

Der Chef dieser Stelle, Oberst Schleitzer, unterzeichnete am 5. Juli 1988 einen „Auslandsauftrag“ in dem festgeschrieben war, welche Aufgaben auf „Hugo“, der eigentlich ein friedlicher Botschafter der DDR hätte sein müssen, im „feindlichen Operationsgebiet“ zukommen würden. Was Auslandsspionage betraf, war er schließlich kein Anfänger mehr. Nach Reiseberichten aus sozialistischen Ländern für die Stasi, die sich bekanntlich für alles interessierte, war ihm die Ehre zuteil geworden, 1987 und 1988 in der Bundesrepublik bzw. in der Schweiz über DDR-Literatur zu referieren, wobei natürlich Namen wie Reiner Kunze, Jürgen Fuchs und Lutz Rathenow nicht über seine Lippen kamen. Jedenfalls ist darüber in seinen Berichten nichts zu finden.

Aus Finnland hatte er laut Auftrag an seine Auftraggeber am Jenaer Anger unter anderem zu berichten über: die aktuelle politische und ökonomische Lage, die soziale Situation der Bevölkerung, die Rolle der Kirche und der Medien, die Militärdoktrin, Parteien und oppositionelle Strömungen. Ob ihm bei diesem Arbeitspensum noch genügend Zeit blieb, den dortigen Studenten gegenüber, die „Friedenspolitik der DDR“ zu verherrlichen, verraten die Akten nicht. Es war ihm strengstens verboten, in Finnland mit Bundesbürgern Kontakte aufzunehmen. Ein reichliches Jahr später wurde er allerdings selbst Bundesbürger – schneller als jene, die bis zum 3. Oktober 1990 in der DDR blieben. Beim Untergang des SED-Staates hatte er den Mantel schnell nach dem Wind gehängt und sich im einstigen „Feindgebiet“ Bayern die Stelle eines gut bezahlten Verlagslektors gesichert. ...