... Streng geheim - aus Stasiakten (TLZ Jena, 24. April 2001)
Blick in Stasiakten – „Mittelgasse“-Jugend rebellierte schon vor der Wende
Von Rudi Fuchs
Eisenberg. (tlz) Wenngleich zu Beginn des Jahres 1989 in offiziellen Meldungen der DDR-Medien noch nichts von einer sich anbahnenden gesellschaftlichen Krise zu lesen und zu hören war, vermitteln Stasiakten jedoch bereits ein anderes Bild davon. Selbstbewusstsein machte sich vor allem unter Jugendlichen breit, die nicht länger gewillt zu sein schienen, sich von Partei, „sozialistischer Jugendverband“ und Staat bevormunden und gängeln zu lassen. In einem „Aktenvermerk“ der MfS-Kreisdienststelle Eisenberg vom 8. Februar 1989 (Akte BStU, ASt. Gera 0993) berichtet Feldwebel Metz über eine Aussprache mit Leitungsmitgliedern der FDJ-Kreisleitung. Die Genossen diskutierten über die Situation der Jugendklubs im Kreisgebiet, so der Feldwebel. Die beiden hauptamtlichen Mitglieder (Namen geschwärzt) des Klubs „Mittelgasse“ würden in keiner Weise mehr ihren Aufgaben gerecht. Sie kämen nicht mehr zu den Anleitungsgesprächen der Kreisleitung und lehnten eine Zusammenarbeit ab. Doch nicht genug damit. Die Jugendfreunde von der Kreisleitung hatten sich auch zunehmend mit „Drohanrufen“ und „anonymen Briefen“ herumzuärgern. Originalzitat: „Mit dem ersten Sekretär wurde festgelegt, dass bei Antreffen solcher Dinge sofort die Kreisdienststelle des MfS zu informieren ist.“
Völlig eigene und dazu noch unkonventionelle Wege schien der Jungendklub „Tanneck“ beschreiten zu wollen. Hier würden seit geraumer Zeit keine öffentlichen Veranstaltungen mehr abgehalten, sondern nur noch inoffizielle. An diesen dürften vorwiegend nur Klubmitglieder und deren Bekannte teilnehmen. Innerhalb weniger Monate habe sich der Klub zu einem „Freudenhaus“ herausgebildet. Nicht nur delikat, sondern auch erstaunlich moderat war die dagegen beschlossene Maßnahme: ein Genosse der FDJ-Kreisleitung wurde beauftragt, ab und zu die Veranstaltungen zu kontrollieren und mit den Jugendlichen zu sprechen. ...