Die kurze Karriere eines angehenden Topspions, der unter Hitler ein SS-Mann war.
Hierin geht es um den Stasispitzel Alfred Schiller, alias „Martha“ (s. Beitrag „Klistierspritze und Stalinbilder“), den die Stasi 1953 anwarb. Darüber schrieb ein Stasioffizier der Kreisstelle Rudolstadt, dass Schiller eine gute Perspektive als Geheimer Informator hat, denn er sei Mitglied der NSDAP (Hitler-Partei), der faschistischen Polizei und der Waffen-SS gewesen. Besser als mit einer derartigen Äußerung hätten sich die Stasi und die SED, als Macht ausübende Partei, kaum selbst entlarven können. Eine solche Einstellung entsprach der Doppelzüngigkeit des demagogischen Systems. Offiziell erfolgte eine Verteufelung des mörderischen deutschen Faschismus (und das mit Recht), andererseits aber wurden freundschaftliche Beziehungen mit ehemaligen Nazis gepflegt und ihre negativen Fähigkeiten für eigene Zwecke genutzt.
Durch „Marthas“ Denunziationen wurden, neben Werner Kühn und seinem Kollegen, auch andere Einwohner Königsees durch die Stasi verhaftet und zu Zuchthausstrafen verurteilt, weil sie sich aktiv an Demonstrationen am 17. Juni 1953 gegen das SED-Regime beteiligt hatten.
„Martha“ war dazu ausersehen, als Spion der Stasi in der Bundesrepublik wirksam zu werden und er erhielt deshalb Anfang 1955 den Auftrag, „republikflüchtig“ zu werden. Im Westen gelang es ihm, auftragsgemäß, sich vom Geheimdienst CIC der US-Armee anwerben zu lassen, wo er für die DDR spionieren sollte. Nach knapp zwei Jahren musste er zurückbeordert werden (wobei er sich als reumütiger Rückkehrer ausgab). Bei einem Treffen mit seinen Auftraggebern in einem Hotel in Gera war er von einem Mann aus Königsee erkannt worden, der die Beobachtung der Volkspolizei meldete. Der Anzeigende, ein strammer SED-Funktionär. Hatte also seiner Partei und seinem Staat einen Bärendienst erwiesen, wovon er aus Gründen der Geheimhaltung aber nichts erfuhr.
„Gerbergasse 18“, Heft 45 (2/2007).