gerhard herma

 

Zum Bild: Ich entspreche vielleicht nicht ganz so Ihren vorstellungen.

gezeichnet von

(Gerhard Herma † )

 

Liebesgrüße vom MfS

Das ist die Geschichte einer ungewöhnlichen IM-Werbung. Die Genossen von der MfS-Kreisdienststelle in Rudolstadt hatten 1975/76 ein Auge auf W. geworfen, der als Techniker am Theater der Stadt beschäftigt war und vor Jahren aus der Bundesrepublik in die DDR gekommen war, weil er sich dort als Deserteur aus der französischen Fremdenlegion nicht mehr sicher genug fühlte. Zwischendurch war er nach dem Bau der Mauer (13. August 1961) schwarz über die Grenze gegangen, weil ihm die Behörden der DDR die Teilnahmen an der Beerdigung seiner verstorbenen Mutter im Ruhrgebiet verweigert hatten. Auf dem gleichen Wege kam er (unbeschadet) über die Grenzanlagen wieder zurück. Er hatte sich damit nach den Gesetzen der DDR zwar strafbar gemacht, wurde aber nicht eingesperrt. Einen solchen James-Bond-Typ mit Kampferfahrung konnte die Stasi für ihre Zwecke gut gebrauchen. Aber wie an ihn herankommen? Fünf Spitzel hatte sie bereits auf ihn angesetzt, um ihn auszukundschaften. Bekannt war von ihm, dass er ein ungewöhnlicher Frauenheld war. Mit vier, von ihm geschiedenen, Ehefrauen hatte er sieben Kinder in die Welt gesetzt und noch einige mehr auf der „Wildbahn“ herumlaufen. Da kamen die Sicherheitsgenossen auf den Einfall, ihn mit einem fingierten Liebesbrief zu angeln, was schließlich auch gelang, denn er wurde ein IM mit dem Decknamen „Götz“.

Auszug aus dem „Liebesbrief“: ... Saalfeld, 11.10.1976 / Lieber Günter! Bitte entschuldige die vertraute Anrede, aber ich bin mit Dir in meinem Innersten schon so vertraut, dass ich es einfach nicht fertig bringe, Dich anders anzureden. ... Schon als ich Dich erstmals vor einigen Wochen im Theaterrestaurant sah, stand für mich fest, dass ich dir kaum eine Minute widerstehen kann. ..."

Zu dem Rendezvous, um das ihn, den Mittvierziger, das angebliche junge Mädchen bat, erschien aber nicht die von Günter heiß ersehnte holde Weiblichkeit, sondern der MfS-Leutnant Rohrbach.

"Gerbergasse 18" Heft 26 (3/2003).