Günter Grass wurde bei seiner Lesung 1988 von IM "Ute König" beobachtet
Jena. (tlz) Literatur-Nobelpreisträger Günter Grass formulierte vor einiger Zeit, dass die DDR eine "moderate Diktatur" gewesen sei. Würde ihm nach dem Studium von Stasiakten bekannt, dass er während seiner Lesung in der überfüllten Jenaer Stadtkirche, am 22.April 1988, neben einer großen Anzahl von SED-Funktionären auch von einer Schar Stasi-Spitzeln beobachtet wurde, käme er womöglich auf die Idee, seine Meinung zu revidieren. Ein IMS (Inoffizieller Mitarbeiter zur Sicherung eines gesellschaftlichen Bereiches oder Objektes) namens "Ute König" traf sich am Tage zuvor mit dem MfS Mitarbeiter L. in einem Pkw im Kreisgebiet um Instruktionen entgegen zu nehmen. Es bestehe ein "hoher Informationsbedarf" heißt es im Treff-Bericht zum Grass-Auftritt.
Papierknappheit?
Er las aus seinem Roman "Die Blechtrommel" (1959) der wegen angeblicher Papierknappheit (Heiterkeit im Publikum) erst 1988 in der DDR erschien. Auf eine Frage zu seiner Meinung zur DDR-Literatur brachte er sein Unverständnis über die Ausweisung kritischer Schriftsteller zum Ausdruck. Er nannte die Namen Biermann und Krawczyk. Die beiden hätten durch Ihre Werke einen wichtigen Beitrag zur Entwicklung in der DDR leisten können. Weiterhin gefalle ihm nicht, dass maßgebliche Politiker der DDR dem Reformwirken Gorbatschows misstrauisch gegenüber ständen. Zu dieser Aussage gab es spontanen Beifall der Anwesenden, vermerkt "Ute König" in ihrem Bericht. Grass fand zur Verärgerung der Stasi in der Politik Gorbatschows Parallelen zum "Prager Frühling" von 1968 und hob lobend den Namen Dubcek hervor.
Gegen Waffen
Immer wieder erntete Günter Grass Beifall, besonders dann, wenn er Probleme ansprach , die nach seiner Meinung in der DDR wirklich bestanden. Er wandte sich aber auch kritisch gegen die in der Welt angehäuften Massenvernichtungswaffen und die hemmungslose Zerstörung der Umwelt - sowohl im Osten als auch im Westen Deutschlands.
(TLZ vom 07.04.2001)