Zwei Intendanten und mehrere Mitarbeiter / Mitarbeiterinnen spitzelten was das Zeug hielt.
Beim technischen Personal angefangen, über Mitwirkende der künstlerischen Bereiche, der Sekretärin des Intendanten, bis zu ihm selbst und seinem Nachfolger (1982), hatte die Stasi ein dichtes Netz von Informanten geschaffen, durch das kaum eine staatsfeindliche Regung unbemerkt nach außen zu dringen schien. Bei einem dermaßen zahlenmäßig großen Kollektiv inoffizieller Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter blieb es nicht aus, dass sich Spitzel gegenseitig bespitzelten und denunzierten. Dass sie IM-Kollegen waren, wussten nur ihre Führungsoffiziere. Leider verraten die Berichtsakten nichts darüber, ob sich nicht dieser oder jener hauptamtliche MfS-Angehörige einmal kritischen Gedanken über den an Schizophrenie grenzenden Unsinn derartiger Maßnahmen hingegeben haben könnte.
Beim täglichen Schnüffeln und Berichten ging es den „patriotischen Kräften" nicht nur darum, die sozialistische Theaterkunst vor klassenfeindlichen, imperialistischen Einflüssen zu schützen. Aber gegen das Eindringen „antisozialistischen Gedankengutes" schien selbst in den traditionellen Thüringer Kräutergärten kein Kraut gewachsen zu sein. Am 29. und 30. März 1984 spielte die Berliner Puppentheater-Truppe „Zinnober" im Rudolstädter Theater das Stück „Die Jäger des verlorenen Verstandes". Dazu der Intendant P., der bei der Stasi auf den Decknamen „Hardy" hörte:
„Die Wortwahl war derart, daß trotz des historischen Spiels deutlich Bezüge zur DDR vorhanden waren, so auch zu Antragstellungen auf Ausreise aus der DDR und deren gegenwärtige chancenreiche Realisierungsmöglichkeit."
Am 7. August 1983 berichtete er über den Schauspieler (XXX), dem er in einem Disziplinarverfahren, dem er bei einer nochmaligen Verfehlung eine fristlose Entlassung androhte. Der Kollege hatte es gewagt, am 9. April 1983 in der Kirchenwerkstatt „Luther auf der Wartburg" mitzuspielen. „Hardy" war es gelungen, den Text zum thematischen Anspiel von Luthers Schrift „Von der Freiheit eines Christenmenschen" (1520) sicherzustellen und der Stasi zu übergeben. Die Sicherheitsapostel kennzeichneten Textstellen, die nach ihrer Meinung im Sinne der DDR staatsfeindlich ausgelegt werden konnten, wie die folgende:
Ich schäme mich allmählich meines Vaterlandes, er fordert ehrbare Männer in die Schranken, weil sie ehrlich schreiben, was ihnen eingegeben ist. … Hüte deine Zunge, Alte, oder willst du den Aufruhr treiben? Gar schnell gerät solch Wort in falsche Ohren."
Der Intendanten kann man sagen, dass der Spruch „Apfel fällt nicht weit vom Stamm" bei ihm völlig fehl am Platze war, denn sein Vater war Pfarrer auf der Insel Rügen gewesen, und 1971 verstorben. Ein Bruder von Harry übte dort ebenfalls diese Tätigkeit aus, und der Spitzel schreckte nicht davor zurück, auch über ihn der Stasi zu berichten, obwohl Rügen gar nicht zu seinem Betätigungsfeld gehörte.
Es bleibt noch nachzutragen, dass er sich 1990 ungeniert um den Posten des Generalintendanten in Brandenburg bewarb und diesen auch erhielt.
„Gerbergasse 18", Heft 33 (2/2004).