Baldur Haase

 

"Die ersten Menschen waren nicht die letzten Affen."

(Erich Kästner)

 

Schmierereien an Wänden und auf Wegen

Blick in Stasi-Akten (TLZ Gera, 30. 01. 2002)

Flugblätter in Telefonzellen forderten: „Lehrt unsere Kinder lachen und nicht schießen“

Gera. (tlz/rufu) Ab Mitte der 80er Jahre wagten es immer mehr DDR-Bürger, der lebens- und realitätsfremden Propaganda der Partei- und Staatsführung Paroli zu bieten und eigene Meinungen, zunächst anonym, zu äußern. Die kritisch eingestellten Menschen sahen sich veranlasst, ihrem Herzen auf unkonventionelle Art und Weise Luft zu machen - an Häuserwänden und Toilettentüren sowie auf Bürgersteigen. Sehr zum Ärger der Staatssicherheit, wie „Rapportauszüge über Schmierereien, Auffinden von Flugblättern u. ä.“ verraten. Festgehalten ist darin der Zeitraum von Januar 1983 bis Ende 1984 (Akte: BStU, Ast. Gera, Archivnummer 903/84).

Am 25 Januar 1983 waren im Warenhaus KONSUMENT Handzettel aufgetaucht, auf denen von Unbekannten mit „Buchstaben aus einem Kinderdruckkasten“ der Text „Hände weg von Kriegsspielzeug“ aufgestempelt worden war. Zwei Monate später hatte auf Flugblättern gestanden, die nach der gleichen Methode hergestellt und in Telefonzellen der Hauptpost abgelegt wurden: „Lehrt unsere Kinder lachen und nicht schießen.“

3. März: Mit Seife hatten „Straftäter“ auf den Bürgersteig in der Nähe der HO-Gaststätte „Grüne Mulde“ Losungen geschmiert, wonach man SS20- und Pershingraketen stoppen müsse. An der Tür zum Hauptgebäude des VEB Köstritzer Schwarzbierbrauerei stand, mit Schulkreide hingekritzelt, zu lesen: „Deutschland den Deutschen – Freiheit und Demokratie!“

Zu einer „pazifistischen Provokation“ war es am 30. Januar 1984 am Denkmal der Opfer des Faschismus am gleichnamigen Park gekommen, wo sechs brennende Kerzen („Teelichter“) die sozialistische Friedhofsruhe der DDR zu stören schienen.

Die Staatsorgane betrachteten diese Aktionen keineswegs als Dummejungen-Streiche. Aus einem „Sachstandsbericht“ der MfS-Kreisdienststelle vom 19. November 1984 erfährt man von der hohen Aufklärungsquote. Da die Stasi selbst nicht bestrafen konnte, übernahm dies die Deutsche Volkspolizei! Wörtlich zu einem überführten Täter: „In Abstimmung mit der Abteilung IX wurde über unsere Diensteinheit im Volkspolizei-Kreisamt Gera gegen (Name geschwärzt) ein Ordnungsstrafverfahren in Höhe von 500 Mark eingeleitet und durchgeführt.“ Lobend wird hervorgehoben, dass inoffizielle Mitarbeiter, u. a. „Behr“, „Shandy“ und „Eberhard“ wesentlich mit zur Aufklärung beigetragen hätten. Nur ein Jugendlicher entging seiner Strafe für das im November 1983 mit Kugelschreiber in der Toilette der Ratskellers hinterlassene „A“ für „Abrüstung“: Der (Name geschwärzt) bereute seine Untaten und verpflichtete sich während einer „Sofortwerbung“ zur Spitzeltätigkeit.